Weit mehr als gepflegtes Quartettspiel - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Weit mehr als gepflegtes Quartettspiel

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 5 | 07.05.2017

Quartetto Energie Nove: Das Streichquartett mit dem ehemaligen Paderborner Jugend-musiziert-Preisträger Felix Vogelsang pflegt den sahnig orchestralen Klang und spielt technisch auf höchstem Niveau

Paderborn – Schloß Neuhaus. Was ist eigentlich aus den Paderborner Jugend-musiziert-Preisträgern geworden? Eine Frage, die sich im Hinblick auf den Bundeswettbewerb in der Pfingstwoche immer wieder stellt.

Regelmäßiger Gewinner der Wettbewerbe war in den 80er Jahren der Cellist Felix Vogelsang, der damit sicherlich einen der Grundsteine für eine nachhaltige Karriere als Berufsmusiker legte. Der erste Profischüler von Claus Hütterot konnte später nicht nur in einigen internationalen Wettbewerben punkten, seit August 2004 hat er einen festen Platz im renommierten Orchestra della Swizzera Italiana in Lugano, vier Jahre später gründete er mit Orchesterkollegen das Streichquartett "Quartetto Energie Nove", über dessen vorliegende Einspielungen sich die Kritiker vor Begeisterung überschlagen.

Auf Einladung der Philharmonischen gastierte das Spitzenquartett am Sonntag im Neuhäuser Audienzsaal, der wegen Renovierungsarbeiten schwer zugänglich und komplett überheizt war. Doch wer an einem lauen Maiabend zur besten Sendezeit auf die üblichen Sonntagsvergnügen zugunsten von anderthalb Stunden Streichermusik verzichtet, meint es sowieso ernst.

Und wirklich, mit den ersten Takten von Dmitri Schostakowitschs erstem Streichquartett in C-Dur, einem elegischen Moderato, spätestens in den Takten, wo die erste Violine (grandios: Hans Liviabella) sich vorwitzig über einen ostinat tanzenden Bass erhebt, hält der Saal geschlossen den Atem an. Es hustet nichts, raschelt nichts und Programmhefte werden auch nicht gelesen, ein Publikum, das Kammermusik wirklich liebt.

Das "Quartetto Energie Nove" wurde mal mit dem legendären amerikanischen Emerson-Quartett verglichen, was natürlich eine große Ehre ist und in Hinblick auf die Präzision und makellose Technik auf jeden Fall stimmt. Doch kommt bei den vier Kollegen aus Lugano noch das mediterrane Element dazu, einfach der Spaß am Klang, da wird nichts verschlankt, nichts so keimfrei präzise dargeboten, wie es eine Zeit lang Trend war, die Energie Nove pflegen den sahnig orchestralen Klang und spielen gleichzeitig auf höchstem technischem Niveau.

Im zweiten Satz überzeugt dann Bratschist Ivan Vukcevic als großartiger Solist und das kurz neoklassizistische Werk endet verspielt und quirlig. So klingt auch das frühe Streichquartett Nr. 2 op. 13 von Felix Mendelssohn Bartholdy, geschrieben in der Tradition Beethovens und doch schon ganz der Mendelssohn des Sommernachtstraums. Es ist dieses flirrende Fugato, das durch alle Sätze irrlichtert, an dem man Mendelssohns Musik immer und zweifelsfrei erkennt. Es wimmelt von Umkehrungen, Engführungen und anderen polyphonen Techniken, ein strenger Stimmensatz, der der keinerlei Strenge ausstrahl, sonder Spieltrieb. Großer musikalischer Spaß auf höchstem Niveau.

Nach der Pause das erwartete Opus magnum: Fran Schubert, Streichquartett Nr. 14 d-moll D 810 "Der Tod und das Mädchen", dessen berühmtester Satz es sogar zur Filmmusik gebracht hat. Und es geht hier um weit mehr als gepflegtes Quartettspiel, der erste Satz besticht durch unglaubliche Intensität, hier wird gedrängelt und etwas riskiert. Klare Kante statt Biedermeier-Klangtapete. Dann die fast hypnotisch wirkenden Variationen, eher dezent und zurückhaltend, schwindelerregendes Presto zum Schluss und donnernder Applaus, zwei Zugaben und viele neue Fans für "Quartetto Energie Nove".

Zurück