Musikalischer Brückenschlag - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Musikalischer Brückenschlag

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 5 | 15.04.2018

Philharmonische Gesellschaft: Die Streicher zeigen, dass sie auch modernes Barockorchester können. Und Pianistin Nadja Naumova hat Freude am neuen Instrument

Paderbom. Die Transkriptionen von Leopold Stokowski sind umstritten, denn sie sind weit mehr als das: Hier wird mal eine Melodie hinzugefügt, manche Harmonien werden romantisch angerei­chert, durch Änderung der Agogik entstehen neue Spannungsmomente und plötzlich erinnert ein einfaches barockes Werk an opulente Filmmusik. Man kann es Endzeitkitsch oder geniale Transfor­mation nennen, doch liegt in dieser Musik ein Zauber, dem sieh nur ausgewiesene Puristen entziehen können.

Am Sonntag zeigten die Streicher der Philharmonischen Gesellschaft, dass sie auch modernes Barockorchester können und spannten unter der Leitung von Thomas Berning einen Bogen von der Barockmusik ins 21. Jahrhundert. Und unter dem Aspekt „Altes mit neuem Sinn“ begann der Abend mit Henry Purcells „Didoʼs Lament“ in der Fassung von Stokowski. Ein klangstarkes Lamento, in dem immer das 20. Jahrhundert hörbar wird, obwohl viel Barockes bleibt.

Johann Sebastian Bachs Cembalo-Werke auf dem modernen Konzertflügel zu spielen, war vor ein paar Jahrzehnten ebenso umstritten wie die Arrangements von Stokowski, doch scheint dieser Konflikt mittlerweile ausdiskutiert. Es klingt einfach zu gut. Außerdem steht fest, dass Bach seine Freude an den neuen Instrumenten gehabt hätte, unbedingt. Die Detmolder Pianistin Nadja Naumova hat das auch, obwohl das Allegro des d-Moll-Konzerts BWV 1052 zunächst nach Kammermusik klang. Durch den abmontierten Flügeldeckel verteilten sich die Klänge geschickt in der akustisch sensiblen Kaiserpfalz und verbanden sich gut mit den Streicherklängen, wobei ein echtes Miteinander entstand und das Orchester weit mehr war als pure Begleitung. Entspannte Tempi und richtig gutes Zusammenspiel war nach der Pause auch im nächsten Bachkonzert, dem A-Dur BWV 1055 zu hören, das die zahlreichen Zuhörer bejubelten. Als Dank gab es eine mehr als sympathische Zugabe: Bachs berühmte Invention in F-Dur Nummer 8.

Das 21. Jahrhundert wurde an diesem barocken Abend vom Concerto grosso für Streichorchester Palladio von Karl Jenkins (Jahrgang 1944) vertreten. Man muss die amerikanische Diamantenwerbung von De Beers nicht kennen, um sofort vertraute Klänge auszumachen. Karl Jenkins ist der meistgespielte lebende Komponist unserer Zeit, und auch wenn man diesen Namen nie gehört hat, kommt dieser Sound als alter Bekannter daher. Eine basslastige Rhythmusgruppe, wenig har­monische Veränderungen und im dritten Satz tinnitusartiges Beharren auf einem zweitaktigen Motiv. Wahrscheinlich eines der modernsten Werke, das die Philharmonische Gesellschaft jemals erarbeitet hat. Doch so richtig modern ist bei Jenkins gar nichts und man spürt wieder einmal nachhaltig das Dilemma der neuen Musik: Ist sie klangstark und massenkompatibel, ist sie nicht neu; ist sie wirklich innovativ, verschließt sie sich ihren Zuhörern. Herzlicher Applaus für einen spannenden Barockabend, der seinen Zuhörern behutsam das Feld zur Moderne eröffnete.

Zurück