Mitreißender Schrecken - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Mitreißender Schrecken

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 2 | 18.11.2018

100 Jahre später: Die Philharmonische Gesellschaft erinnert mit dem Arte Ensemble und Dominique Horwitz an das Ende des Ersten Weltkriegs. Die Werke von Schulhoff und Strawinsky begeistern. Nur eins gibt es nicht

Paderborn. „...bin besoffen wie ein Vieh und denke deutsch...“ heißt es in den Tagebuchaufzeichnungen des jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff aus dem Jahr 1921, und niemand kann diese Verse mit solcher Inbrunst ins Publikum raunen wie der jüdische Schauspieler Dominique Horwitz. Es hat etwas enorm Dringendes, wie er auf die Bühne eilt und fast atemlos den vom Komponisten selbst ver­fassten Prolog zur Suite für Kammerorchester inszeniert, und es klingt fast so, als hätte er sie selbst verfasst. Die Rolle des Erwin Schulhoff übernimmt dann jedoch im ersten Teil der Moderator Benno Ure, doch der Abend wurde natürlich vom Starschauspieler höchstpersönlich eröffnet. Eine Unmittelbarkeit, die jedes Pathos verhindert, das gewöhnlich an diesen Gedenktagen angereichert wird.

Auf Einladung der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn erinnerte das Arte Ensemble zusammen mit Dominique Horwitz mit zwei zentralen Werken an die Schrecken des Ersten Weltkriegs: Erwin Schulhoffs Suite für Kammerorchester aus dem Jahr 1921 und die Geschichte vom Soldaten von Igor Strawinsky von 1918, die zu Recht als Klassiker gilt.

Erwin Schulhoff experimentierte in seiner Suite für Kammerorchester wie so viele Komponisten seiner Zeit mit aktuellen Tanzformen, Jazzelementen und folkloristischen Anleihen und bediente sich an Rhythmen, die vorher in der Klassik keinen Platz hatten. Kunstvoll stilisierter Ragtime, ein Valse Boston, mittendrin der Shimmy, der angeblich zum ersten Mal in der klassischen Musik Autohupen und Sirenen zitiert. Das alles ist Spaßmusik auf höchstem Niveau, und es macht tatsächlich Spaß, dem Fagottisten dabei zuzusehen, wie er zum schlecht harmonisierten Trötenton immer wieder aufsteht und sich damit virtuell vor der Menge verbeugt.

Auch das Schlagzeugsolo im nächsten Stück namens „Step“ atmet jene Heiterkeit, die diese Art Musik aus den goldenen Zwanzigern vermittelt. Auch wenn wir wissen, dass Erwin Schulhoff diese Zeit als Tiefpunkt seines Lebens betrachtet und wir ihr schreckliches Ende kennen, es war halt für kurze Zeit alles möglich. Eben auch Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten, die musikalisch wesentlich kom­plexer und anspruchsvoller ist und gleichzeitig einen Sprecher/Schauspieler fordert, von dem alles abhängt.

Dominique Horwitz ist hier nicht nur Erzähler, sondern spielt die Geschichte mit, übernimmt sämtliche Rollen und gibt jedem eine individuelle Stimme in gewohnter Hörspielqualität. Und er kann Rhythmus und beweist damit, dass auch Sprechen Musik sein kann: ein virtuoses Spiel mit Klangfarben, Tonhöhen, Metren und Tempi.

Zweite Hauptperson in dieser Geschichte ist die Violine, am Sonntag erwartungsgemäß genial gespielt von der in der Region bestens bekannten Latica Honda-Rosenberg. Die musikalischen und narrativen Gegenspieler waren hier Matthias Höfs an der Trompete und der Klarinettist Guido Schäfer, dazu am Fagott Malte Refardt und der Posaunist Emil Haderer. Mit dem Schlagzeuger Andreas Böttger und Albert Sommer am Kontrabass bildet dieses magische Septett ein Traumorchester, das die faustische Energie dieser Geschichte perfekt artikuliert.

Es herrscht ein engagierter, doch immer sachlicher Ton, wie er von Strawinsky eingefordert wird. Mitreißend ist die Musik dennoch, weil sie nicht romantisierend daherkommt, sondern scharfe Artikulation mit prägnanter Rhythmik vereint. Damit gelingt ein wichtiger Kontrapunkt zur vordergründigen Märchenhaftigkeit der Erzählung, in der die verstimmte Geige erst wieder klingt, als sie die Prinzessin von ihren Depressionen heilen will. Mit jeder Szene verschieben sich die Anteile zwischen erzählter Geschichte und Musik bis zum Triumphmarsch des Teufels, bevor die kunstvoll inszenierten musikalischen Auflösungsmechanismen greifen.

Ganz großes Kino. Das nicht zu toppen ist und trotz begeistertem Applaus keine Zugabe möglich macht.

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