Mit historischem Spürsinn - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Mit historischem Spürsinn

Westfälisches Volksblatt

Von Hermann Knaup

Konzert 1 | 03.10.2018

Durchdachtes Programm beim Festkonzert zur Deutschen Einheit

Paderborn (WV). Traditionsgemäß gestaltete am Mittwoch das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn unter der Leitung von Thomas Berning das Festkonzert zum Tag der Deutschen Einheit in der voll besetzten Paderhalle und eröffnete damit die neue Konzertsaison.

In Zeiten zunehmenden, ideologischen Befremdens ist ein Festkonzert anlässlich eines Nationalfeiertages von relevanter Bedeutung. Schon deshalb wies die durchdachte Programmauswahl beziehungsreiche Anknüpfungspunkte zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte auf.

Insbesondere die Aufführung der Vierten Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy zeugte von historischem Spürsinn. Gewandhaus-Kapellmeister Mendelssohn, der aus einer einflussreichen jüdischen, später protestantischen Familie stammte, wurde vom Nationalsozialismus rassistisch diskreditiert. Bezeichnenderweise war es Kurt Masur, der sich vehement für das Werk Mendelssohns, seines früheren Vorgängers, einsetzte und obendrein 1989 als angesehener Gewandhaus-Kapellmeister maßgeblich zum friedlichen Verlauf der Leipziger Demonstrationen und damit zur Wiedervereinigung beitrug.

Anlässlich des Gedenktages ließ Thomas Berning zu Beginn des Konzertes die Nationalhymne mit Begleitung des Orchesters singen. Für das folgende Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll op.11 von Frédéric Chopin konnte der international renommierte, in Santiago de Chile geborene Pianist Alfredo Perl gewonnen werden, der heute als Professor an der Musikhochschule in Detmold lehrt. Erwartungsgemäß bot der Solist eine brillante Leistung, spielte die enorm schwierigen Passagen mit traumhaft virtuoser Sicherheit. Ihm gelang es, die Vielfalt musikalischer Stimmungen dieses Werkes wirkungsvoll umzusetzen: kraftvolle und majestätische Akkorde, perlende Klangkaskaden, virtuose Läufe, sensible, lyrische Passagen und schnelle, tänzerische Motive.

Dem Orchesterpart dieses Solo-Konzertes wird oft nachgesagt, dem anspruchsvollen Klavierpart kompositorisch unterlegen zu sein. Thomas Berning und den Philharmonikern gelang es, durch aus-tarierte Phrasierungen sowie dynamische und rhythmische Flexibilität diese vermeintliche Diskrepanz sehr feinsinnig und klangschön auszugleichen, was insbesondere im Mittelsatz überzeugend gelang. Für den begeisterten Applaus der Konzertbesucher bedankte sich Alfredo Perl mit der innig gespielten Goldberg-Variation Nr. 13 von Johann Sebastian Bach als Zugabe.

Mendelssohns Vierte Sinfonie, die »Italienische« in A-Dur, beginnt mit einem vor Freude und Jubel sprühenden ersten Satz. Der zweite Satz (d-Moll) wirkt dagegen eher melancholisch. Im dritten Satz greift Mendelssohn auf die höfisch geprägte Menuett-Form zurück und im letzten Satz verwendet er die Rondo-Form mit Motiven im Stil italienischer Tänze. Thomas Berning hatte, vorwiegend für die Ecksätze, zügige Tempi vorgegeben, ohne dabei hektisch zu wirken. Somit war das Orchester äußerst gefordert, zumal diese Sinfonie ein sehr hohes spieltechnisches Niveau aufweist. Die Musiker bewältigten ihre Aufgabe mit Präzision, makellosen Einsätzen, bravouröser Spielleistung und mitreißender Musizierfreude, die sich spürbar auf das Publikum übertrug.

Für dieses großartige Konzert, zu dem ein Programmheft mit informativen Texten von Bruno Bechthold vorlag, gab es langanhaltenden, dankbaren Beifall – ein gelungener Beginn einer verheißungsvollen neuen Konzertsaison!

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