Große Werke russischer Musikkultur - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Große Werke russischer Musikkultur

Westfälisches Volksblatt

Von Hermann Knaup

Konzert 3 | 30.01.2022

Junge Sinfoniker OWL brillieren mit einem anspruchsvollen Konzert in der Paderhalle

Paderborn (WV). Seit 2008 treten die Jungen Sinfoniker jährlich als Gast der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn in der Paderhalle auf. Für ihr aktuelles Programm hatten die hoch talentierten jungen Musiker in zwei jeweils einwöchigen Proben ein höchst anspruchsvolles Konzert unter Leitung des Bielefelder Kapellmeisters Gregor Rot vorbereitet: Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op.30 (1909) und Peter Tschaikowskys 5. Sinfonie e-Moll op. 64 (1888). Als Solist konnte der junge Pianist Julian Gast (geboren 1999) engagiert werden.

Es stimmt schon sehr nachdenklich, dass in diesen Tagen einerseits Politiker mit einem gefährlichen Säbelrasseln am Rande des Wahnsinns taktieren, und dass andererseits etwa 70 junge Musiker vormachen, wie sehr doch großartige Werke der russischen Musikkultur zur Völkerverständigung beitragen könnten. Das Rachmaninow-Konzert zählt zweifellos zu den schwierigsten seiner Gattung. Umso bewundernswerter, mit welch exzellenter spieltechnischer Souveränität Julian Gast das Werk meisterte. Sein gut dosierter Pedalgebrauch wirkte kontrolliert. In den Kadenzen, vor allem in der groß angelegten Kadenz des ersten Satzes, vermied er, bei aller gebotenen Virtuosität, eine vordergründige Selbstzelebrierung. Vielmehr arbeitete er sehr feinsinnig die thematischen Motive nuanciert heraus.


Unter der Leitung von Gregor Rot spielen Julian Gast und die Jungen Sinfoniker Rachmaninows 3. Klavierkonzert

Überhaupt vermittelten alle Mitwirkenden den erfreulichen Eindruck, jegliche unangemessene Effekthascherei vermeiden zu wollen und stattdessen die komplexe Architektur dieses Werkes herauszukristallisieren. Einer überbordenden Romantik wurde somit eine eher werkgerechte Empathie gegenübergestellt. Beim Publikum kam diese Art der Interpretation offensichtlich gut an. Julian Gast erhielt zu Recht einen beachtlich gefeierten Applaus für seinen gelungenen Auftritt.

Auch Tschaikowskis 5. Sinfonie erfordert eine große Orchesterbesetzung. Mit diesem Werk hat der Komponist lange Jahre im inneren Zwiespalt gestanden, sie wurde seine „Schicksalssinfonie“. Das alle Sätze durchziehende Hauptthema gleicht phasenweise mit seiner punktierten Rhythmik einem Trauermarsch, der jedoch ständigen Veränderungen unterworfen ist und gleichsam einer Metamorphose im Schlusssatz zum widersprüchlichen Triumphmarsch mutiert. Ein Orchester hat mit dieser Komposition schwierigste Aufgaben zu bewältigen: extreme dynamische Spannungen, rasante Läufe, adäquate Stimmungsschwankungen, zahlreiche zum Teil heikle Solopassagen, problematische Einsätze. Auch hier zeigten sich die jungen Musiker als äußerst versierte Instrumentalisten. Sie boten eine geradezu makellose Interpretation der Sinfonie. Bedenkt man die knappen Probenphasen, die zur Verfügung standen, dann bleibt nur zu konstatieren: Respekt!

Dass auch das motivierende Dirigat von Gregor Rot maßgeblich zum Erfolg dieses Konzertes beitrug, spürte man dem Orchester deutlich an, das den minutenlangen Applaus demonstrativ an den Dirigenten weitergab. Mit dem „Blumenwalzer“ aus Tschaikowskys „Der Nussknacker“ verabschiedeten sich die Jungen Sinfoniker vom begeisterten, dankbaren Paderborner Publikum.

aus: Westfälisches Volksblatt Nr. 26, 1. Februar 2022, Seite 12; Text und Bilder von Hermann Knaup

 

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