Grandiose 'Winterreise' - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Grandiose 'Winterreise'

Westfälisches Volksblatt

Von Hermann Knaup

Konzert 2 | 06.11.2016

Bassbariton Michael Volle und Pianist Helmut Deutsch gestalten Liederzyklus

Paderborn (WV). Franz Schuberts Zyklus "Winterreise" (1827) mit 24 Klavierliedern nach Texten von Wilhelm Müller gilt nach wie vor als Inbegriff des Liedgesanges. Es bleibt ein Faszinosum, dass dieses imposante Werk noch heute für ausverkaufte Aufführungen sorgt.

Der Titel "Winterreise" steht in dieser Musik auch als Metapher für den geradezu unergründlichen Kosmos menschlicher Empfindungen, welche einen von gescheiterter Liebe enttäuschten Mann durch die Widrigkeiten des Lebens treiben, bedrückt vom Hin und Her schmerzhafter Erinnerungen, von Resignation und Trauer bis hin zur Todessehnsucht. "Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück", so klagt der Protagonist im Lied "Der Wegweiser".

Oft genug wird darauf verwiesen, dass wegen der tiefen existentiellen Dimensionen, die in diesem bedeutenden Werk zur Geltung kommen, Interpreten gefragt seien, die ihrerseits auf vielfältige musikalische Erfahrungen, vor allem auch auf menschliche Empathie zurückgreifen können.

Für den Konzertabend am vergangenen Sonntag in der Kaiserpfalz konnten die Initiatoren der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn mit dem Bassbariton Michael Volle und dem Pianisten Helmut Deutsch zwei international renommierte und gefragte Künstler gewinnen. Noch vor wenigen Tagen wurden beide in einer interessanten TV-Dokumentation des Bayerischen Rundfunks eindrucksvoll portraitiert.

Das Duo musizierte kongenial, um der Musik Schuberts in ihrer Interpretation menschlicher Befindlichkeiten äußerst sensibel und nuanciert gerecht zu werden. Jegliche stimmliche wie auch spieltechnische Vordergründigkeit wurde tunlichst vermieden. Klaviermusik und Gesang verschmolzen höchst kunstvoll und intelligent zu einer musikalisch überzeugenden Gestaltung. Somit bleibt es nahe liegend, die Bedeutung des Klavierparts nicht als bloße "Klavierbegleitung" abzutun, selbst wenn Helmut Deutsch in der TV-Dokumentation dezent anmerkte, dass der Gesangssolist in diesem Werk das Wort habe.

Zur Schaffenszeit Schuberts hatte die Klaviermusik längst einen emanzipierten Stellenwert erlangt, zu dem der Komponist auch selbst maßgeblich beigetragen hatte. Folglich verlieh Helmut Deutsch seinem Klavierspiel souverän Klangdimensionen, die in ihrer filigranen Farbigkeit eine Fülle unterschiedlicher Assoziationen aufkommen ließen. Entsprechend künstlerisch feinsinnig gestaltete Michael Volle seinen fast eineinhalbstündigen Part mit einer wundervoll sonoren Bassbariton-Stimme, mit der er scheinbar mühelos enorme Tonumfänge meisterte und zugleich mit flexibler Dynamik, dezidierter Stimmgebung und Textinterpretation und mit deutlicher Aussprache überzeugte.

Die großartige Aufführung bewirkte bei den Zuhörern eine spürbare Nachdenklichkeit. So war es auch angemessen, dass die beiden Musiker nach dem abschließenden Lied "Der Leiermann" einen Moment der Stille aufkommen ließen. Erst dann dankten die Besucher mit lang anhaltendem Applaus für eine exzellente Aufführung der "Winterreise", zu der Franz Schubert damals seinen Freunden gegenüber äußerte: "Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden auch euch noch gefallen". Wie sehr er doch Recht behalten sollte!

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