Geniales Klangbild - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Geniales Klangbild

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 1 | 03.10.2019

Tag der Deutschen Einheit: Riesiger Jubel für das Festkonzert der Philharmonischen Gesellschaft. Ein wunderbarer Vorgeschmack auf das Beethoven-Jahr 2020

Paderborn. Das kommende Beethoven-Jahr wirft zuverlässig seine Schatten voraus: Mit zwei opulenten Orchesterwerken des Jubilars gestaltete das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft unter Leitung von Thomas Berning das traditionelle Konzert zum Tag der Deutschen Einheit in der Paderhalle.

Doch gab es zuvor noch kurz das Werk des Tages: Haydn, Kaiserquartett, die immer noch aktuelle Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“, ein Lied, das funktioniert, jedenfalls in Paderborn. Das Orchester spielt, die Menschen stehen auf und singen, und sie tun das hörbar gern und richtig gut. Es erinnert an Fangesänge im Fußballstadion und kommt also von Herzen.

Beethovens Ouvertüre zu „Coriolan“ wird naheliegenderweise gerne mit Shakespeare assoziiert, was der Rezeption dieser spannungsgeladenen Musik keineswegs schadet. Vorlage war aber das Theaterstück eines gewissen Herrn Collins Und die Musik erzählt eine aufregende Geschichte mit ihren eigenen Mitteln: Die düstere Tonart c-Moll, traditionell für Unterwelt, Unheil, Klage und Beschwörung eingesetzt - also für alles, was dem Vernunftmenschen nicht ganz geheuer ist -, weist auf die tragische Situation hin. Die herrischen Gesten der ersten Takte, in denen lange Streicherakkorde drei Mal von einem jäh auffahrenden Orchestertutti abgerissen werden, rufen eine unheimliche, bedrohliche Atmosphäre hervor.

Der Konflikt endet nicht mit Triumph, sondern mit Suizid. Die Musik fällt in sich zusammen und zerrinnt. Was in der Interpretation des Orchesters der Philharmonischen Gesellschaft sofort auffällt, ist ein gleichzeitiges Bemühen um möglichst viel Dynamik und ebenso große Transparenz. Dieser klare offene Orchesterklang ist in der Kaiserpfalz wegen des leichten Halls oft nicht so deutlich zu hören, die Paderhalle klingt völlig anders.

Zweimal Beethoven und einmal Schumann, da denkt man sofort an Mainstream und Anbiederung an. den Publikumsgeschmack, doch das Konzert für Violine in d-Moll von Robert Schumann ist ein orchestrales Nischenprodukt, dessen Geschichte kompliziert ist.

Unter anderem ist es der 1984 geborenen Lena Neudauer zu verdanken, dass dieses interessante Stück so langsam auf die Podien rückt. Schon 2010 hat sie dieses Werk mit der Deutschen Radiophilharmonie eingespielt und ist somit eine der wenigen Expertinnen in Sachen Schumannkonzert d-Moll. Was vom ersten Strich an deutlich wird, denn da spielt keine Solistin, die sich über das Orchester erhebt, sondern mit den anderen Musikern zu einem genialen Klangbild verschmilzt.

Hört man die sensible und sorgfältige Interpretation von Neudauer und dem Orchester, ist man sicher, dass sich dieses Werk weiter durchsetzt. Der idyllische zweite Satz, in dem neben den Streichern nur Fagotte und Hörner agieren, hat das Zeug zum Klassikhit, genauso wie die Zugabe aus der a-Moll Partita von Johann Sebastian Bach.

Danach Beethovens achte Sinfonie, noch ein ganz großer Wurf an einem überzeugenden Abend! Natürlich drückt jeder Dirigent den Werken seine eigene Handschrift auf, doch selten hat man eine, so individuell gestaltete und zum Teil witzig interpretierte achte Sinfonie, wie unter Tho­mas Berning gehört. Energetisch vorpreschend, um dann mit entspannten Ritardandi auszubremsen, was noch mehr Spannung bringt.

Am Ende des ersten Satzes versandet das Thema so witzig, dass viele schmunzeln müssen, was so gut wie nie vorkommt. Der zweite Satz schließt an und versprüht nichts als gute Laune und schlussendlich ist der Jubel riesig. Das Beethoven-Jahr 2020 kann kommen!

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