Geniale Brüder berühren und verzaubern - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Geniale Brüder berühren und verzaubern

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 5 | 05.05.2018

Ein großer Abend: Die Philharmonische Gesellschaft präsentiert Sándor und Ádám Jávorkai. Sie spielen musikalische Erzählungen aus der Puszta und bedienen charmant Klischees. Jemand anderes wird weniger wahr genommen

Paderborn. So viel zum Mitklatschen gab es noch nie in der immer wieder interessanten Kammermusik-Reihe der Philharmonischen Gesellschaft. Am Sonntagabend rockten die viel zu wenigen Zuhörer in der Kaiserpfalz den viel zu kalten Saal und bemühten sich nach Kräften, ein wenig einzuheizen. Anlass war ein großer Csárdás-Hora- und Rhapsodien-Abend, ein Medley aus allem, was ungarisch klingt und ungarisch ist.

Aus Ungarn kommen auch die Brüder Sándor (Violine) und Ádám Jávorkai (Cello) und bedienten auf höchst charmante Weise jedes Klischee. An ihrer Seite die in den Niederlanden geborene Pianistin Clara Biermasz, die in Budapest studierte und sich als Ehefrau von Ádám in ungarischer Musik und Lebensart auskennt. Schon beim ersten Werk, dem oft gespielten „Zigeunertrio“ von Joseph Haydn, wird klar, dass es hier um ganz was anderes geht als „seriöse“ Kammermusik.

Mit fettem Aufstrich, dominanter Phrasierung und leicht groovender Rhythmik erinnert diese Interpretation tatsächlich ein wenig an Volksmusik. Nicht die viel gepriesene Transparenz ist das Thema der beiden genialen Brüder, die als Wunderkinder einer Musikerfamilie schon mit drei Jahren an ihre Instrumente geführt wurden, sondern pure musikalische Energie. Sie spielen zum Publikum wie Straßenmusiker und das auf einem extremen technischen Niveau.

Genau, das sei ihr Ziel, erklärt Sándor in der Pause: „Wollen wir doch Spaß machen ... und gut dabei sein.“ Der Spitzenvirtuose ist sich auch nicht zu schade, beim berühmten Ungarischen Tanz Nr. 5 von Brahms über die Bühne zu tanzen. Fast alles können die Brüder auswendig, was den Blickkontakt untereinander und mit dem Publikum natürlich leichter macht und zusätzlich für lockere Stimmung sorgt.

Nicht alles war Spaßmucke an diesem Abend, mit Béla Bartók und Zoltán Kodály gab es auch „echte“ Ungarn im Programm, also Werke, die sich ernsthaft mit regionalen Wurzeln beschäftigen und nicht idealisierte „Zigeunerweisen“ veredeln. Das klingt natürlich völlig anders und der erste Satz aus dem Duo op. 7 zeigte, dass die Brüder auch das experimentelle Spiel mit Klangfarben, ungewohnten Stimmungen und komplexen Rhythmen beherrschen und auch diese „neue“ Musik wohl mit der Muttermilch aufgesogen haben, was natürlich auch für die Rumänischen Volkstänze von Bartók gilt.

Diese beiden Spitzenmusiker sind dermaßen präsent, dass man die Pianistin Clara Biermasz am Flügel bisweilen gar nicht wahr nimmt. Selbst in den wenigen Trios (Haydn, Brahms), wo mau eine ausgewogene Balance der drei Instrumente erwartet, bleibt sie im Hintergrund, versteht sich als Begleiterin und nicht als Solistin wie die Streicher. Erst im Zugabenblock wird der Flügel geöffnet, und in Frédéric Chopins Introduction und Grand polonaise brillante op. 7 zeigt sie sich mit ihrem Mann Adam auf musikalischer Augenhöhe.

Zum Schluss gab es dann Sarasates berühmte Zigeunerweisen und gleich danach die genauso berühmte Carmen-Fantasie, zwei Werke, die dem Thema „Zigeunermusik“ ihren Stempel aufdrücken. Dazu noch eine rührende Geschichte: Weil die Zigeunerweisen für Solovioline geschrieben wurden, war der kleine Cello-Bruder traurig, weil eben jeder Streicher dieses Werk spielen möchte. Deswegen komponierte der große Bruder noch eine Cellostimme dazu, besser verteilte die wunderbaren Melodien auf zwei Instrumente, was richtig gut klingt.

Mit dem noch berühmteren Csárdás von Vittorio Monti konnte eigentlich nichts mehr kommen, dieses Stück ist der Klassiker unter den Zugaben. Doch man hatte den Eindruck, dass die drei erst jetzt richtig warm waren und noch Musik für mindestens eine Session aus dem Hut zaubern konnten. Nach gut zwei Stunden reiner Spielzeit? Was an einem lauen Sommerabend sicher auch gut geklappt hätte, doch so war nach einem unglaublichen Medley von Rimsky-Korsakow bis zu Stéphane Grappelli, in dem Sándor alles aufbot, was man mit einer Violine so machen kann, kurz nach 22.30 Uhr endgültig Schluss.

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