Frühromantik begeistert im Frühherbst - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Frühromantik begeistert im Frühherbst

Neue Westfälische

Von Gunther Gensch

Konzert 1 | 03.10.2016

Philharmonische Gesellschaft: Das Konzert zum Tag der Einheit beschert ein freudiges Wiedersehen. Vor ausverkauftem Haus dirigiert Thomas Berning das Eröffnungskonzert der großen Sinfonik

Paderborn. Gute Tradition und freudiges Wiedersehen bescherte zum Tag der Einheit die Paderborner Philharmonische Gesellschaft mit dem Eröffnungskonzert der großen Sinfonik in der ausverkauften Paderhalle.

Frühromantik passt zur frühherbstlichen Stimmung, den ersten Teil des Abends beliefert Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 - 1847) mit beliebten Werken, nach der Pause erklingt die Sinfonie Nr. 2 C-Dur. op.61 von Robert Schumann (1810 - 1856). Doch zunächst erheben sich die Besucher von ihren Plätzen, die Klänge der Nationalhymne mit Publikumsgesang erinnern an die überwundene Teilung Deutschlands.

Die Konzertouvertüre "Meeresstille und glückliche Fahrt", op. 27, wurde nach zwei Kurzgedichten von Goetze geschaffen, deren gegensätzliche Stimmungen die Musiker in Rhythmus und Klangsymbolik sehr differenziert zum Ausdruck bringen. Mit Hebungen und Senkungen lässt Dirigent Thomas Berning das Meer wogen, die Anfangstakte klingen wagnerianisch, zum Ende führen die starken Bläser zurück in den Heimathafen.

Das Orchester kanalisiert ein Durcheinander der Gefühle mit Mendelssohns Violinkonzert e-moll, op.64, ein strenges Kompositionskonzept lotet Grenzen aus, die vielleicht von Übervater Bach bis Johann Strauss reichen, ein weiter Interpretationsraum und virtuosischer Tummelplatz für den jungen, schon weltbekannten Geiger Tobias Feldmann.

Seine Violine kommt von Gagliano aus Neapel und ist 250 Jahre alt, zielsicher, mit Kraft und flinken Griffen bringt er das ehrwürdige Instrument zu klanglichem Entzücken. Ein präzise geführter Dialog mit Flöte, Oboe und Klarinette, dazu federleichte Übergänge in die Tutti mit Schlusston auf dem Fagott leiten zjm Andante und ausgreifend lyrischen Passagen im zweiten Satz.

Flottes Allegro bestimmt das weitere Klanggeschehen, mit spannendem Vorspiel und lebhaften Pauken bereitet Thomas Berning die Überraschung vor: ein neues Hauptthema erscheint in allen Lagen, Geiger und Orchester im freudvollen Wechselspiel, Tobias Feldmann spielt mit voller Brillanz und sein Tempo lässt keine Zeit zum Träumen, die zündende Melodie ergreift Besitz und wird zum Pausenhit, mit Blumenbukett und violinistischem Bravourstück verabschiedet sich der Solist.

Bach und Beethoven standen Pate bei Schumanns zweiter Sinfonie, Krankheit und seelische Tiefs lenkten die kompositorischen Kräfte in Richtung einer Schicksalssinfonie und Liebeserklärung an seine Frau Clara, nach der gelungenen Uraufführung durch Mendelssohn-Bartholdy besserte sich seine Gemütsverfassung und die Schaffenskrise schien überwunden. C-Dur als klare, ins Positive gerichtete Tonart bestimmt Zusammenhalt und Weiterentwicklung einer Fülle thematischer Einfälle. Mit Engagement und Sensibilität sind Thomas Berning und die Musiker der Philharmonischen Gesellschaft um authentische Darstellung bemüht, manchmal aber kommt der Zuhörer ins Schwanken: Da hat der inspirierte Schumann seinen Vorbildern leuchtende Denkmäler gesetzt, dazu eine berauschende Vielfalt der Übergänge, der erste Satz endet im beschleunigten Allegro schicksalhaft rhythmisiert.

Mit sanftem Streicherauftakt eröffnet Berning Satz zwei, laut und schnell gerät das Scherzo. Eine wohltuend gemäßigte Einleitung zum Adagio bringt Wünsche und Sehnsüchte in die Musik, das Fugato in der Bitte beginnt fahl, fast gespenstisch, so charakterisiert der dritte Satz am besten Schumanns leidvolles Befinden. Im letzten Satz demonstrieren die Sinfoniker noch einmal seine kraftvolle kompositorische Größe, Exposition und Durchführung drängen molto vivace zum Liedzitat aus dem Zyklus "an die ferne Geliebte", hier baut Schumann hörbar musikalische Brücke von Beethoven zu Bruckner, zum Dank gibt es Blumen und lang anhaltenden Beifall.

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