Ein kongeniales Duo - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Ein kongeniales Duo

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 2 | 06.11.2016

Philharmonische Gesellschaft: Bariton Michael Volle und Pianist Helmut Deutsch tragen Schuberts Winterreise vor. Das Publikum ist völlig mitgerissen

Paderborn. Es sind magische Momente der Stille, wenn die letzten Takte des Leiermanns verklungen sind - kein Räuspern, kein Stühlescharren, kein Knistern, stattdessen ein kollektives Anhalten des Atems, obwohl jeder im Saal ganz genau weiß: Da kommt nichts mehr.

Für das erste Konzeptalbum in der Musikgeschichte, Franz Schuberts ,,Winterreise", kann es keine Zugabe geben. Schon gar nicht bei den beiden Stars der Szene, dem Bariton Michael Volle und dem Pianisten Helmut Deutsch, die am Sonntag auf Einladung der Philharmonischen Gesellschaft in der restlos ausverkauften Kaiserpfalz konzertierten. Michael Volle kommt aus einer Schauspielerfamilie und ist gelernter Opernsänger, und es ist diese darstellerische Intensität des orientierungslosen Wanderers, die sofort überzeugt. "Fremd bin ich eingezogen..." klingt leicht gehaucht, wie eine Frage, von Helmut Deutsch unglaublich Ieise und vorsichtig begleitet, der damit die Kargheit an Informationen illustriert, die wir vom Protagonisten erhalten.

"Wir werden durch ein obsessiv bekenntniswilliges Individuum in das Stück involviert. Offenbar handelt es sich um einen Gefühlsexhibitionisten, der uns die Fakten vorenthält...", so schreibt Ian Bostridge und es klingt, als sähe das kongeniale Duo das genau so. Die Reise geht weiter durch gefrorene Tränen und Erstarrung, ein fast geschrienes As, einer der verrücktesten Momente des gesamten Zyklus.

Hier wird auch deutlich, warum Helmut Deutsch einer der gefragtesten Liedbegleiter in Europa ist, dieser musikalische Gestaltungswille ist einfach nicht zu toppen. Immer auf dem Punkt, mit der Situation angepassten Klangfarben, legt er Nebenstimmen frei, die man vorher niemals wahrnahm, hält lange Orgelpunkte und simuliert dezent ein komplettes Orchester.

Großkritiker schreiben, dass Volle und Deutsch die Winterreise neu erschlossen haben. Tatsächlich folgt dieser Zyklus einer geschlossenen Dramaturgie, die 24 Mini-Szenarien werden immer zu drei oder vier Einheiten gebündelt und ohne Pause aufeinander bezogen. Und im zweiten Teil des natürlich ohne Unterbrechung durchgespielten Zyklus wird der Ton immer fahler, die Stimmung immer kälter, die Todessehnsucht stärker.

Ein dramaturgisches Kleinod ist "Der greise Kopf", wo sich der Protagonist kurz freut, dieses Leben bald hinter sich zu haben und es ihn vor seiner Jugend graut. Und der finale Leiermann, der den narrativen Wandel vom Ich zum Du einläutet, wo mitten in Kälte und Einsamkeit eine Begegnung erfolgt, die die große Melancholie dieses Zyklus' nochmals auf den Punkt bringt. Das anschließende Schweigen war genauso beredt wie der danach heftig einsetzende Applaus.

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