Ein hochkarätiges Musikereignis - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Ein hochkarätiges Musikereignis

Westfälisches Volksblatt

Von Hermann Knaup

Konzert 2 | 07.11.2021

Das „delian::quartett“ und die Sopranistin Claudia Barainsky begeistern in der Kaiserpfalz

Paderborn WV Die Philharmonische Gesellschaft Paderborn konnte für ihr Kaiserpfalzkonzert am Sonntag mit dem delian::quartett und der Sopranistin Claudia Barainsky hervorragende Künstler engagieren, die mit einem beziehungsreich konzipierten Programm und mit hochkarätiger Musikalität überzeugten.

In der Werkauswahl kam die Spannweite existenzieller Momente menschlichen Lebens spürbar zur Geltung. Mit Joseph Haydns Streichquartett in G-Dur, op. 77 Nr.1 (1799) eröffneten die Instrumentalisten den kammermusikalischen Konzertabend. Die beiden Werke op. 77 sind wohl die letzten Quartette, die Haydn vollendete. Mit ihnen verabschiedete sich der Komponist, gleichsam einem Vermächtnis, von einem Metier, das er als der „Vater des Streichquartetts“ maßgeblich entwickelt hatte. Die Darbietung des delian::quartett (2007 gegründet) verdeutlichte gekonnt, welch große, künstlerische Reife Haydns Werk ausstrahlt: geist- und ideenreich, klug humorvoll, formvollendet, zukunftsweisend. Haydn selbst hätte am mitreißenden Esprit des delian::quartett sicherlich seine Freude gehabt. In einem weiteren Programmschwerpunkt stellten die Akteure Werke bedeutender, englischer Komponisten vor. Diese Intention ist schon deshalb begrüßenswert, weil die aufgeführten Komponisten William Byrd (Renaissance) und Henry Purcell (Barock) zu ihren Lebzeiten gefeierte Meister waren, ihre zahlreichen, faszinierenden Werke hingegen, zumindest in unseren Breiten, derzeit leider kaum aufgeführt werden.

Im Konzert in der Kaiserpfalz wurden die ausgesuchten Musikstücke in Bearbeitung für Streichquartett sowie für Sopran und Streichquartett von Stefano Pierini (*1971) aufgeführt. Fünf Lieder von William Byrd kündeten von Lebensfreude wie auch von tiefer Gläubigkeit. In seinem exzellenten Programmheft bezeichnet Bruno Bechthold Byrds Vertonung von „John come kiss me now“ zutreffend als „Gassenhauer“ der damaligen Zeit. Sopranistin Claudia Barainsky gelang es meisterlich, die süffisante Ironie dieses Liedes zu vermitteln. Sehr sensibel gelang ihr anschließend, Byrds „Lullaby, my sweet little baby“ atemberaubend zu gestalten. Das „Ave verum“, von Byrd als vierstimmige, lateinische Gradual-Motette vertont, erklang in der Bearbeitung von Pierini als reines Instrumentalstück. Die Musiker spielten das Werk äußerst transparent, um dem Motetten-Charakter und der sehr komplexen, chorischen Stimmführung optimal zu entsprechen. Zwischen Henry Purcells Pavane und Chaconne sang Claudia Barainsky einfühlsam die Arie „When I am laid in Earth“ aus der Purcell-Oper „Dido and Aeneas“. Diese geschickte Kombination der Musiken signalisierte den Stimmungswechsel von Fröhlichkeit zur Tragik im Programmablauf des Konzertabends. Im folgenden Liederzyklus „Frauenliebe und Leben“ op.42 (1840) von Robert Schumann, nach Textvorlage des Adelbert von Chamisso, kulminierte die Dramatik des Programms: das Glück der Liebe, der Kindheit und der Tod des geliebten Mannes. Schumanns originale Klavierbegleitung hat der Komponist Aribert Reimann (*1934), Lehrer von Claudia Barainsky, eigens für das delian::quartett bearbeitet. Im Vergleich zur Klavierbegleitung lassen sich die Stimmungen im Liederzyklus mit Streichinstrumenten vielleicht noch nuancierter und sensibler nachvollziehen. Claudia Barainsky nutzte brillant all ihre flexiblen, gesanglichen Möglichkeiten, um die enormen Emotionswechsel in Text und Musik der hochpoetischen Schumann-Vertonung zu realisieren. Erst nach einer nachhaltigen Stille gab es abschließend langanhaltenden und stehenden Beifall für ein gelungenes Konzertereignis.

Schade nur, dass die Temperatur in der Kaiserpfalz, warum auch immer, im Laufe des Konzertes spürbar abkühlte, so dass sich offensichtlich zahlreiche Gäste veranlasst sahen, nach der Pause mit Mantel oder Jacke dem weiteren Verlauf beizuwohnen. Schade auch, dass am Sonntag in Paderborn zwei bedeutende Konzertveranstaltungen terminlich kollidierten.

aus: Westfälisches Volksblatt, Seite 12, Dienstag, 9. November 2021, Text: Hermann Knaup

 

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