Der Dirigent setzt auf Transparenz - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Der Dirigent setzt auf Transparenz

Neue Westfälische

Von Ulla Meyer

Konzert 3 | 19.01.2020

Ein ehemaliger Schüler des Pelizaeus-Gymnasiums überzeugt am Flügel und die Holzbläsergruppe erlebt eine Sternstunde.

Paderborn. Drei Mal Wiener Klassik: Haydn, Mozart, Schubert, die Philharmonische Gesellschaft Paderborn lässt sich Zeit mit der Eröffnung des Beethoven-Jahres, das erst im März mit einem Kammerkonzert eingeläutet wird. Am Sonntagabend war nicht nur das Wiener-Klassik-Label, sondern auch die Tonart B-Dur das einigende Band, das drei recht unterschiedliche Werke inhaltlich verband.

Das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft kennt sich bestens aus mit Werken der Wiener Klassik, ist quasi damit groß geworden. Dass aber ein schlichte Haydn-Interpretation noch für Überraschungen gut ist, überrascht dann doch. Da ist zunächst das Werk: „La Reine“, die Königin, ein Titel, der den höfischen Gestus, ja das Narrativ der Verdauungsmusik gehobener Stände schon fast in sich trägt; das trotzdem immer wieder die Spielregeln bricht, kühne Harmonien aufbietet und kontrastierend zu der würdevollen Höflichkeit mit den Grenzen des zeitgenössischen Kornponierens spielt.

Dirigent Thomas Berning setzt, hier auf ein Höchstmaß an Transparenz, verbunden mit einem Höchstmaß an Dynamik und Dringlichkeit im Ton, die – tatsächlich - an Beethoven erinnert. Eine Sternstunde für die starke Holzbläsergruppe; die an diesem Abend gut zu tun hat und dieses Niveau durchweg hält. Mit einem aufsteigenden Dreiklang (B-Dur was sonst?) beginnt das Thema des letzten Klavierkonzerts von Wolfgang Amadeus Mozart, Nr. 27. Am Flügel der 19-jährige Simon Staub, der im letzten Jahr sein Abitur am Pelizaeus-Gymnasium machte und sich nun als Vollstudent in Detmold ganz auf seine Virtuosenlaufbahn konzentrieren kann.

An Preisen hat er so ziemlich alles gewonnen, was geht, auch international. Hochkonzentriert und mit gleichmäßiger Perfektion beantwortet Simon Staub die im lyrischen Ton und dezentem Tempo vom Orchester vorgelegte Einleitung. Die opulente Energie der Haydn-Symphonie ist jetzt einer klanglichen Statik gewichen, die auf dicke Crescendi nahezu verzichtet und ein eher akademisches Klangverständnis verrät.

Alles perfekt, keine Frage, und bisweilen wunderschön im Dialog mit dem Orchester, doch dann spürt man wieder das „Durchgezählte“, was eine individuelle Gestaltung des Konzerts schwer macht. Da ist noch Luft nach oben. Kernthema der Pausengespräche war dann auch nicht der durch­weg gelungene Mozart, sondern die Zugabe, die dann auch ganz deutlich zeigte, für welche Musik das Herz des jungen, aufstrebenden Pianisten wirklich schlägt: die ganz großen Virtuosennummern, am Sonntag die Toccata op. 111 Nr. 6, die niemand so richtig auf dem Schirm hatte. Ein pianistischer Hochleistungsakt, der an die schon legendären Zugaben von Yuja Wang erinnert, die sich schon beschwerte, dass die Leute nur noch wegen der virtuosen Schmankerl in ihre Konzerte kommen. Der Abend ging mit Schuberts 5. Symphonie unaufgeregt zu Ende. Dass diese Symphonie wahrscheinlich in weniger als vier Wochen auf das Notenpapier gebannt wurde, merkt man ihr in keinem Takt an. Auch wenn sie nicht wie ihre Vorgängerinnen mit einer langsamen Einleitung ihre Gewichtigkeit betont, sondern nach vier Bläserakkorden, die eine heiter freundliche Szenerie beschwören, lächelnd losschreitet.

Aber was Schubert und das bestens aufgelegte Orchester hier zeigen, sind, die Stimmungsumschwünge auf engstem Raum, die wie die Haydn Symphonie kleine Impulse setzen und trotzdem niemals versuchen, die Form zu sprengen. Eine geschlossene und überzeugende Leistung. Mit der Detmolder Geigerin Gina Keiko Friesicke stellt sich am 9. Februar die nächste aufstrebende Virtuosin mit Tschaikowskys Violinkonzert vor. Eine tolle Initiative der Philharmonischen Gesellschaft.

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