Countertenor mit Weltrang-Niveau - Philharmonische Gesellschaft Paderborn e.V.

Countertenor mit Weltrang-Niveau

Westfalen-Blatt

Von Hermann Knaup

Konzert 4 | 06.03.2022

Andreas Scholl überzeugt beim 4. Konzert der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn in der Kaiserpfalz

Paderborn (WV). Das 4. Konzert der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn in der Kaiserpfalz stand im Zeichen Johann Sebastian Bachs. Unter der versierten Leitung von Thomas Berning, der auch das Orgel-Continuo spielte, musizierten das auf Barockmusik spezialisierte Hamburger Ensemble Schirokko sowie der renommierte Countertenor Andreas Scholl, der die Altus-Stimme in den beiden kammermusikalisch besetzten Solokantaten des Konzertes übernahm.

Zu Beginn führten die Schirokko-Musiker die bekannte Sinfonia, das Adagio in F-Dur, aus Bachs Kantate «Ich steh mit einem Fuß im Grabe» BWV 156 auf. Hauptinstrument in der langsamen Sinfonia ist eine konzertierende Oboe, die von Anabel Röser als geradezu nachdenklich wirkende Kantilene gekonnt interpretiert wurde.

Der Anfang der folgenden, dreiteiligen Kantate «Widerstehe doch der Sünde», BWV 54 (1714) ist höchst bemerkenswert, weil Bach mit der dissonanten Dominantseptlage sowie mit starken Sekundreibungen beginnt. Für die damalige Zeit galt eine solche Harmonik zweifellos als sehr kühn, sie ist jedoch eindeutig dem Textinhalt geschuldet.

Den Solo-Part für die Altstimme sang Andreas Scholl. In seiner umfangreichen Discographie zeichnet sich der Sänger als gefragter Experte der barocken Musik aus. Zurecht weist Bruno Bechthold in seiner detaillierten Werkeinführung im Programmheft darauf hin, dass Andreas Scholl derzeit als der deutsche Countertenor mit Weltrang-Niveau angesehen werden kann, der sein Metier souverän beherrscht. Angesichts der damaligen Vorgaben war es in der Kirchenmusik tradiert, dass Frauenstimmen weitgehend von gesanglich talentierten Jungen übernommen wurden. Daher erklärt sich der Einsatz einer Countertenorstimme als ideale, stilgerechte Besetzung einer historisch orientierten Aufführungspraxis. Andreas Scholl konnte erwartungsgemäß bravourös mit exzellenter Stimmtechnik, aber auch mit dezenter Mimik und Gestik überzeugen. Phrasierungen, sinnbezogene Textdeklamationen, Koloraturen, barocktypische Verzierungen der Arien und Rezitative meisterte er atemberaubend genial.

Anschließend spielte das Ensemble Schirokko Bachs dreisätziges Violinkonzert a-Moll BWV1041. Den anspruchsvollen Solopart dieser großartigen Komposition meisterte Rachel Harris, die Konzertmeisterin des 2007 gegründeten Orchesters.

In der Kantate «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust» BWV 170 setzt Bach im Alt-Rezitativ «Die Welt, das Sünderhaus» ebenfalls kompositorische Mittel wie krasse Harmonien ein, die ihn als mutigen und weitsichtigen Komponisten ausweisen, der das ausgeprägte Wort-Ton-Verhältnis sinnfällig realisierte. Auch in dieser Kantate konnten die Mitwirkenden erneut mit großer Musikalität brillieren. Für das eindrucksvolle Konzert, für die überzeugend dargebotenen musikalischen Leistungen gab es viel Beifall. Als ergreifende Zugabe erklang abschließend, im Sinne der Opfer und Leidenden der Ukraine-Krise von Andreas Scholl als naheliegend angesagt, die Alt-Arie «Agnus Dei … miserere nobis» aus Bachs h-Moll-Messe.

aus: Westfalen-Blatt Nr. 57, Mittwoch, 9. März 2022; Text von Hermann Knaup

 

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